Darstellungen der Jungfrau und des Kindes im 20. Jahrhundert
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Jungfrau mit dem Kind (ISBN: 9781683256472), von Kyra Belán und Ernest Renan herausgegeben von Parkstone International.
Das 20. Jahrhundert war eine Zeit radikaler Veränderungen: Das Maschinenzeitalter, die industrielle Revolution und die beiden Weltkriege zeigen ein Bild starker Kräfte, die die alten Gesellschaftssysteme und Überzeugungen sprengten. Die christliche Kirche war zu dieser Zeit politisch unbedeutend, besonders im kommunistischen Block, wo die Existenz der Religion geleugnet wurde. Die Künstler gaben erstmals realistische oder naturalistische Ideale auf und bezogen eine Vielfalt von abstrakten und sogar nicht gegenständlichen Stilrichtungen in ihr Schaffen ein. Sie begannen mit vielen Konzepten, Medien und Techniken zu experimentieren. Einige Künstler, die sich für die Darstellung Marias entschieden, brachen mit allen Regeln, andere dagegen folgten den alten Schemata. Die erste Welle des Feminismus verlieh Frauen mehr Rechte innerhalb des herrschenden, patriarchalischen Gesellschaftsmodells, das seinerseits wiederum begann, einige matriarchalische Qualitäten zu entdecken. Langsam nahmen die Frauen ihren Platz in der Arbeitswelt ein und errangen Privilegien, die bisher den Männern vorbehalten waren. Viele Frauen, darunter auch Künstlerinnen, entschieden sich dafür, Maria zu ignorieren, weil ihr Name in der Vergangenheit zur Unterdrückung der Frau missbraucht worden war. Manchen sahen sie nur als Frau und lehnten das Konzept der jungfräulichen Geburt ab. Wieder andere fühlten sich durch sie angeregt, Bilder von Müttern mit ihren Kindern zu schaffen.

Der Stil der Künstler des 20. Jahrhunderts folgte verschiedenen großen Richtungen, dazu gehörten Impressionismus, Expressionismus, Surrealismus, Kubismus und Post-Modernismus. Manche Künstler wurden von mehr als einem Stil beeinflusst und schufen selbst Mischstile. Sie brachen mit den traditionellen Themen oder veränderten die bisher gültige Ikonografie Marias drastisch. Die Ergebnisse dieser kreativen Anstrengungen lassen sich nun nicht mehr länger mühelos nach Themen, Medien und Techniken klassifizieren.
Mary Cassatt war die einzige Impressionistin unter den Künstlern in den Vereinigten Staaten. Wie es damals üblich war, blieb sie unverheiratet und lebte im Zölibat, um sich ganz ihrer Künstlerkarriere zu widmen. Es ist kein Zufall, dass sie Madonnen- und Kinderbilder, die sie im Louvre sah, zu eigenen Versionen dieser Themen inspirierten. Eine der vielen Variationen dieses Themas ist ein 1889 vollendetes Gemälde mit dem Titel Mutter und Knabe. Die Mutter hält die Hand des nackt vor ihr stehenden Kindes, ihr Profil überlappt sich mit der Schulter und der Wange des Kindes. Die Verbindung zwischen beiden ist sehr real, und es ist deutlich zu erkennen, dass das Kind von ihrem Fleisch und Blut ist. Dies ist eine weitere Version der nicht mehr erkennbaren Madonna und ein Tribut an alle Mütter der Welt.
Paula Modersohn-Beckers Bild Die Verkündigung, um 1905 entstanden, verzichtet typischerweise auf eine realistische Behandlung des Themas zugunsten eines eher intuitiven, gefühlsbetonten und abstrakten Stils, dennoch behält sie im Kern die traditionelle, durch die Künstler der Renaissance festgelegte Komposition bei. Beide, Maria und der Erzengel, halten Rosen – Blumen, die die weibliche Spiritualität und Göttlichkeit verkörpern.

Das Ölgemälde Liegende Mutter mit Kind wurde von Paula Modersohn-Becker im Jahr 1906 vollendet. Die Künstlerin, zu deren schöpferischer Leistung es auch gehört, den Expressionismus mitbegründet zu haben, ließ sich auch durch die abstrakte Eleganz afrikanischer Kunst inspirieren. Hier wirkt die Mutter mächtig, erinnert an eine afrikanische Muttergöttin, das Kind ahmt ihre Pose nach, beide liegen schlafend in liebevoller Eintracht umschlungen.
1907 malte Paula Modersohn-Becker ihre Kniende Mutter mit Kind. Wie das vorhergehende Bild zeigt auch dieses wieder Mutter und Kind, beide nackt. Die Mutter, eine Reminiszenz an die Schwarze Madonna, nährt ihr Kind mit ihrer wundertätigen Milch: Modersohn-Becker greift die Symbolik der Milch der Jungfrau und die der Milchstrasse, dem himmlischen Symbol für die Himmelskönigin, wieder auf.

Unsere Liebe Frau des Friedens von Evelyn Morgan, 1907 entstanden, stellt die Madonna als ein vollkommenes, göttliches Wesen dar, umgeben von einem leuchtenden Heiligenschein und einer Lichtaura, die ihren Körper umgibt. Sie wird von mehreren Engeln begleitet, Wesen aus der himmlischen Welt. Vor ihr kniet ein Mann in einer mittelalterlichen Ritterrüstung. Die Zeit der Troubadoure im 12. und 13. Jahrhundert in Europa, als der Marienkult ungeahnte Ausmaße annahm, inspirierte sichtbar die Künstlerin. Maria und ihre Vorläuferinnen, die prähistorischen und antiken Gottheiten, wurden meist als liebende und fürsorgende Gestalten, Friedensstifterinnen und Beschützerinnen des Volkes gesehen. Diese Version der Maria trägt die alten romantischen Symbole ins beginnende 20. Jahrhundert hinüber. Die stehende betende Figur, weiß gekleidet und den Kopf zum Himmel treiben. Zwischen den Jahren 1914 und 1916 vollendet und S.O.S. benannt, stellt das Bild eine symbolische Jungfrau Maria dar; sie hat die Funktion der Vermittlerin, Erlöserin und der Maria-Sophia und gehört den beiden Reichen der Schöpfung an, dem irdischen und dem spirituellen Reich. Evelyn de Morgan schöpfte aus dem reichen mythologischen Erbe der westlichen Kultur, um ihr weibliches göttliches Prinzip zu verherrlichen.
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